Alles eine Frage des Geldes*

China ist nicht Deutschland – ganz offensichtlich. Es gibt hier viele Dinge, an die man sich und auch ich mich erst einmal gewöhnen muss. Viel Neues, Ungewöhnliches, äusserst Verqueres und auch Dinge, an die ich mich niemals gewöhnen werde. Aber es gibt auch ganz offensichtlich ein paar Dinge nicht.

Und immer wieder höre ich deshalb die Frage:

Was vermisst du, wenn du in China bist?
Das ist eine gute Frage, die mich jedes Mal wieder ins Grübeln bringt und für die ich während anderer Langzeit-Auslandsaufenthalte (Tanzania, Frankreich, HongKong, USA) auch nie eine wirklich richtige Antwort finden konnte.

In den USA kann ich mich noch sehr gut daran erinnern, dass ich anfangs Sprudel vermisst habe. Das fade non-sparkling Leitungswasser…wer trinkt denn sowas? Ich! Seit meiner USA-Zeit ausschliesslich…aus Kostengründen zunächst, dann aus Bequemlichkeit (wer will schon Sprudelkisten in den 2. Stock schleppen) und weil es einfach lecker schmeckt. Brot, ja auch das haben wir im German House vermisst. Aber Anke hat für Diane und mich kurzerhand immer mal wieder Brot gebacken.

In Tanzania, gab es da schon durchaus mehr Dinge, die ich vermisst habe. Überhaupt Brot – ungetoasteten Toast zum Frühstück, naja….Richtige Marmelade – die Simba-Zuckerpampe hat noch nicht mal den Ameisen wirklich gut geschmeckt. Ein dickes Rindersteak englisch – zweimal gegart wars ob der fehlenden Kühlung einfach bekömmlicher. Schokolade – und zwar richtige, keine Hershey’s.
In Summe hätte ich mir das auch alles kaufen können. Bis auf die Schokolade, denn selbst die, die es im Supermarkt gab, war mit großer Sicherheit von einer leichten weißen Schicht überzogen, weil die Kühlkette mit weiterer Sicherheit mindestens einmal unterbrochen war. Ich habe es mir alles nicht gekauft, weil es mir dann doch nicht so wichtig war und die Freude zum Beispiel an Chapatis zum Frühstück, die es an besonderen Tagen gab, dann umso größer war.

Also, was vermisse ich nun in China?
Im Grunde ist es hier nicht anders. Viele Dinge gibt es offensichtlich nicht. Bei genauem Hinschauen, findet man die Produkte aber doch – es ist eben nur eine Frage des Geldes oder der Wichtigkeit für mich, ob ich auf etwas verzichten muss.
In Suzhou gibt es mittlerweile einige Bäckereien, die German Quality anbieten und deren Brot oder Brötchen gar nicht so schlecht sind. Ok, 500g Brot kosten dann halt mal umgerechnet 6,60 Euro. Wurstwaren werden eingeflogen, die Frau eines Expats macht selbst Fleischkäse und Geflügelleberwurst. Auch Käse ist zu finden – ja, ich gebe es zu, nicht der leckere Bergkäse, den man in Haslach auf dem Markt kaufen kann, aber er ist gut geniessbar…wenn auch teuer. Und in der allergrößten Not gibt es ja noch Coeur de Lion im Metro-Kühlfach für 8,20 Euro…

Von Verzicht kann man also nicht wirklich sprechen. Die Frage ist vielmehr, bin ich bereit so viel Geld auszugeben, um Schnitzel&Co. im Ausland zu bekommen? Gibt es im jeweiligen Ausland nicht eine Fülle von Unbekanntem, das es lohnt probiert zu werden? Und das vielleicht das ein oder andere heiss-geliebte Produkt in den Hintergrund oder in Vergessenheit geraten lässt?
Mit Sicherheit ist es bei mir ein wenig anders, weil ich ja immer nur wochenweise vor Ort bin, der „Verzicht“ also nie zu groß und nie zu lange ist. Dennoch glaube ich einfach, dass mit Einzug der großen Supermärkte und insbesondere auch mit dem regen Kommen und Gehen von Mulis (nein, ich spreche nicht von Drogenkurieren, sondern von Expats und Bekannten, die alles mögliche im Koffer haben) alle Gelüste gestillt werden können. Und schmeckt der Lindt-Osterhase nicht tausend Mal besser, wenn man seit Wochen keine Schokolade mehr gegessen hat?

 

…zurück bei Schnitzel&Co.
Mittlerweile bin ich seit genau 2 Wochen wieder zurück in Deutschland. „Richtigen“ Käse, „ordentliche“ Wurst, „bestes“ Brot in Hülle und Fülle. Und ich hab bis dato weder Käse gekauft, noch war ich im Wurstparadies.
Vielmehr habe ich mich die letzten Tage immer mal wieder nach chinesischem Essen gesehnt. Essen in geselliger Runde, mit vielen Gerichten, von denen jeder isst und nicht nur vor seinem eigenen kleinen Teller picken kann. Die Auswahl bei uns auf dem Wochen-Markt erschien mir recht dürftig und zu Preisen, für die ich in China meine Obst- und Gemüseration für eine ganze Woche gedeckt hatte. Ich vermisse den wet market im Neighbourhood-Center, den frischen Koriander, den es immer als Dreingabe dazu gab. Den Obst-Laster ums Eck mit Erdbeeren und Kumquats. Verkehrte Welt?

Fazit: Ich vermisse nichts!**
Ich persönlich vermisse nichts. Weder hier, noch im Ausland. Ich freue mich hingegen, darauf, bestimmt Dinge wieder frei zugänglich und in Hülle und Fülle zu finden.
Ich bin mir sicher, dass wir heutzutage auf nichts mehr wirklich verzichten müssen. Egal wo wir sind und egal für wie lange. Vielmehr glaube ich aber, dass man ab und an mal ein Verzichten einlegen sollte. Denn nur so lernen wir einmal wieder zu schätzen, was wir alles haben. Und… wir sollten das, was wir aktuell haben, einfach mal geniessen und nicht dem hinterhertrauern, was wir gerade nicht haben.

Morgen ist das Ende der Fastenzeit, da passt der Post von Verzicht und Vermissen ja ganz gut…3 meiner 2 guten Vorsätze habe ich durchgehalten. Keine Zigaretten und keine Schokolade…Bei „keine Zigaretten“ soll es bleiben. Aber ich freue mich auf leckere Schoko-Ostereier und Schokohasen.

Und wie schauts bei euch aus? Was vermisst ihr, wenn ihr unterwegs seid? Und auf was habt ihr während der Fastenzeit verzichtet?

* dies gilt nicht für Familie, Freunde und Bekannte!
** Ich habe dann doch noch etwas gefunden: Tempo Taschentücher 🙂

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, China abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Alles eine Frage des Geldes*

  1. Ulrike schreibt:

    Interessanter Artikel! Ich vermisse unterwegs eher wenig. Doch wenn ich mal ein richtiges frisches Brot bekommen kann, dann greife ich zu! Schokolade ist ja so eine Sache in China. Bis vor ein paar Jahren hat es die so gut wie gar nicht gegeben. Aber ich hab’s eigentlich nicht vermisst.Auch richtigen Kaffee konnte man lange nicht in China trinken. Aber all das hat sich ja nun geändert. Man bekommt fast alles, wenn man es nur, wie Du schreibst. LG Ulrike

    Gefällt mir

  2. elkedieterich schreibt:

    Hallo Ulrike,
    Shaoshi und ich haben neulich über dich gesprochen 🙂 Vielleicht bekommen wir ja mal ein Treffen zu dritt hin, wenn du mal wieder in China bist…mit frischem Brot und leckerem Kaffee für nen halben Monatslohn 🙂
    lg und schöne Ostern
    Elke

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s