Aus dem Leben einer Teilzeit Tai-Tai

Als im letzten Jahr die Entscheidung fiel, dass mein Mann beruflich für geplant zwei Jahre nach China geht, stand für mich relativ schnell fest, dass ich keine Vollzeit Expat-Frau werde. Würde man China durch afrikanischen Kontinent ersetzen, so hätte dieser erste Satz wohl keine Geltung. Böse Zungen behaupten sogar, dass wenn es auf den afrikanischen Kontinent gegangen wäre, ich schon vor meinem Mann dort gewesen wäre… Warum habe ich mich nicht für 365 Tage im Jahr Expat-Frauen-Dasein entschieden? An China allein lag und liegt es mit Sicherheit nicht. Aber die Frage nach dem wie schlage ich ohne Arbeit nur den Tag tot und zwar ohne dass es mir langweilig ist und das dazu noch 365 Tage im Jahr, konnte ich nicht wirklich beantworten. Maniküre, Pediküre, Golf spielen, Shoppen? Bloß nicht. Und für Stricken oder Basteln eigne ich mich nun wirklich nicht. Auch hätte es bedeutet hier für 2 Jahre alles auf Stand-by zu setzen. Familie und Freunde zurücklassen und für mich am schlimmsten, Manager für Menschen aufzugeben. Keine Option für mich! Somit bin ich nun also Teilzeit ins Tai-Tai Business eingestiegen. Deutschland ist Basis, ich pendle. Und das im großen Stil! Tai-Tai Business So lautet die korrekte Berufsbezeichnung für Expat-Frauen in China. Oder ganz platt formuliert tai-tai 太太 = Ehefrau. Noch besser gefällt mir allerdings die Erklärung auf Wikipedia:

Tai tai is a Chinese colloquial term for a wealthy married woman who does not work. It is the same as the Cantonese title for a married woman. It has the same euphemistic value as „lady“ in English: sometimes flattery, sometimes subtle insult. Cultural significance: The term has become well-known, and features in Western discussions in the field of Women’s studies. It originally referred to the wife of highest status in a polygamous marriage, many would like to believe this meaning has fallen away and that it now refers simply to a privileged, wealthy lady, this however is incorrect and the usage referring to the ‚lead wife‘ continues, especially when the other women are concubines.

Was mache ich also als ‚lead wife‘ in Teilzeit in Suzhou? Auf jeden Fall langweile ich mich nicht und bin auch noch nicht ins Häkel-Business eingestiegen. Meine Tage sind eine Mischung aus Arbeit, Urlaub und Alltag. Am Morgen und am späteren Abend steht Arbeit auf meinem Stundenplan. Morgens werden rasch die emails der letzten Nacht bearbeitet und am Abend, wenn Deutschland dann auch endlich wach ist, telefoniere ich mit Bewerbern und potentiellen Kunden. Ich bereite Messen, Vorträge, Workshops und Webinare vor, zu denen ich dann wieder in Deutschland bin. Vieles im täglichen doing von Manager für Menschen lässt sich via Internet regeln und wenn Skype funktioniert, was leider nicht immer der Fall ist, dann fällt es keinem auf, dass ich nicht im beschaulichen Schwarzwald an meinem Schreibtisch sitze, sondern am chinesischen Schreibtisch. Bis dato hat mich nur eine Kundin darauf angesprochen, dass ich immer zu so komischen Zeiten emails verschicke…keine Sorge, es liegt nur am Zeitunterschied und noch nicht an seniler Bettflucht 😉 . Dazwischen bleibt jede Menge Zeit, um

  • Chinesisch zu lernen: 2 Mal die Woche Einzelunterricht mit Mandarin King. Sherry kommt sogar zu uns nach Hause und stellt sich recht flexibel auf meine Wünsche und Anforderungen bzgl. der Lerninhalte ein. Nur was den Humor anbelangt, sind wir noch nicht auf einer Ebene. Meine Aussage nach der ersten Stunde, dass mein Ziel sei, Mandarin Queen zu werden, hat sie entweder nicht verstanden oder wollte mir durch ihren Blick zeigen, dass ich das wohl eh nie werden würde…naja, dann bleibe ich eben Drama Queen.
  • Einkaufen zu gehen: Unser Kühlschrank muss ja gefüllt sein. Großeinkauf wird in der Regel am Wochenende erledigt. Obst, Gemüse, Eier – ich bin in Suzhou quasi im Paradies – gibt es um die Ecke im Neighbourhood-Center oder vom Laster direkt vor dem Compound. Mit einer Auswahl und zu Preisen von denen ich in Deutschland nur träumen kann. Meine Erdbeerration für die nächsten Jahre habe ich bereits im Februar und März in Suzhou bekommen und die Kumquats waren schneller weg, als man schauen konnte. Auch mit der Marktfrau bin ich schon dick befreundet. Sie nimmt sich zum einen Zeit, mir den nicht verstandenen Satz so lange zu wiederholen, bis auch ich es verstanden habe und sie steckt als Dreingabe immer noch einen Bündel Koriander in meine Tüte. Da lacht mein Herz.
  • andere Tai-Tais zu treffen: Zum guten Glück gibt es auch eine Tai-Tai Fraktion mit der ich mich anfreunden konnte. Mädels, die völlig auf dem Boden geblieben sind und mit denen ich gerne mal zum Essen gehen oder Ausflüge mache oder die mich zum Treffen der Dienstagsfrauen mitnehmen. Ja, es gibt sie wirklich!!!
  • Ausflüge zu machen: Das wird ein Extraeintrag.
  • den wahren Verpflichtungen im Leben nachzugehen: Auf den Mann warten, ihm den Rücken stärken, das Abendbrot machen und mich um soziale Kontakte kümmern. Um den Haushalt kümmert sich freundlicherweise unsere āyí – die ich am liebsten mit nach Deutschland nehmen würde.

Das Teilzeit Tai-Tai Business ist also gar nicht so schlecht. Der Plan ist, dass es die nächsten Jahre, wenn auch vielleicht etwas strukturierter, beim Pendeln und der Wochenendbeziehung* bleibt. Dennoch ist und bleibt es eine Parallelwelt, in der ich aktuell lebe. Mehr dazu aber in einem nächsten Beitrag.

* Ja, Wochenendbeziehung. Meine Nachbarin fragte mich mal, wo eigentlich mein Mann sei. Auf meine Aussage, dass er die nächsten 2 Jahr in Suzhou, China lebt und arbeitet schaute sie mich ganz bestürzt an und meinte: Oh, dann seht ihr euch ja nur am Wochenende! Ja! Genau so ist es!

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